Preisträgerin: Dr. h.c. Edith Kindermann, Präsidentin des Deutschen Anwaltvereins a.D.
Zur Preisverleihung am 21. April 2026 zeigte sich Hamburg von seiner besten Seite. Die Elbkuppel des Hotel Hafen Hamburg, wohin die Veranstaltung nach zweimaliger Abstinenz zurückgekehrt war, bot einen Blick auf Landungsbrücken, Hafen und Elbe in schönster Abendsonne. In diesem Licht begrüßte der HAV-Vorsitzende Felix Machts die Preisträgerin Dr. h.c. Edith Kindermann, den Laudator Dr. Marco Buschmann, Rechtsanwalt und Bundesminister der Justiz a.D., sowie viele wohlbekannte Gäste.
„SIE IST WIE GEMACHT FÜR DEN PREIS“
Der ehemalige Bundesjustizminister würdigte zu Beginn seiner Laudatio den Namensgeber des Preises und hob die Verdienste Emil von Sauers für die Reorganisation des anwaltlichen Berufsstandes hervor. In seinem Wirken hätten sich die drei Säulen des Anwaltsberufs widergespiegelt: Die Unabhängigkeit, die Verantwortung für den Rechtsstaat als Ganzes und das persönliche Engagement der vielen Kolleginnen und Kollegen im Dienst von Recht und Freiheit als unmittelbarem Ausdruck der Menschenwürde. „Darum geht es am Ende bei dem, was wir tun“, schloss der Laudator diese Würdigung seines Berufsstandes.
Die bisherigen Preisträgerinnen und Preisträger, so der Laudator, seien alle Persönlichkeiten, die sich mit Leidenschaft weit über das erwartbare Maß hinaus für den Rechtsstaat engagiert hätten. Deshalb sei der Preis auch ein Preis für Haltung, Verantwortung und Dienst am Recht. Attribute, die auf Dr. h.c. Kindermann in vollem Umfang und ohne Zweifel zuträfen. Ihren „Stil“ beschrieb er mit dem Begriff „Ganzheitlichkeit“ und meinte damit ihre Bereitschaft, sich auf höchstem Niveau mit allen Facetten des Berufes zu engagieren.
„Wer sich dem Familienrecht verschreibt, dem bleibt nichts Menschliches fremd“, verwies Dr. Buschmann auf die Besonderheit dieser Fachrichtung, der Dr. h.c. Kindermann aufgrund ihrer Empathie in jeder Weise gerecht werde. Er beschrieb mehrere Begegnungen, in denen er die Preisträgerin immer als eine Juristin wahrgenommen hatte, die mit Freude ihrer Tätigkeit nachging und sich darüber hinaus für die Aus- und Fortbildung engagierte. Mit einem Augenzwinkern erkannte Dr. Buschmann – selbst Westfale – auch in ihrem ostwestfälischen Naturell eine Basis für ihr juristisches Wirken. Sie sei nicht nur eine herausragende Vertreterin ihres Berufsstandes, sondern auch „wie gemacht für den Preis“.
EIN LEBEN OHNE RECHTSSTAAT? UNVORSTELLBAR!
Da lag es Dr. h.c. Kindermann nah, zu Beginn ihrer Dankesrede („ich freue mich riesig“) ihre ostwestfälischen Wurzeln und den elterlichen, bäuerlichen Zwergbetrieb zu erwähnen. Dies habe sie geprägt und ihr Engagement dafür begründet, dass die Ängstlichen, Stummen und Schwachen in familienrechtlichen Fragen einen Zugang zum Recht erhalten: „Wann immer jemand klein gemacht wird, nicht aufstehen und sein Recht durchsetzen kann, kann ich das nicht ertragen.“Nicht nur mit kleinen Anekdoten präsentierte sich die Preisträgerin den Gästen als nahbare, den Menschen verbundene und in gleichem Maße mit Humor und Bescheidenheit gesegnete Persönlichkeit. Auch ihre Offenheit und ungezwungene Art nahmen alle Anwesenden für sie ein: „Oh Mann, das macht einen so demütig, wenn die Mitteilung über den Preis kommt.“
Doch beanspruche sie diese Auszeichnung nicht für sich allein. Sie sei auch eine für den Deutschen Anwaltverein und für das, was Emil von Sauer mitgeschaffen habe. Ihre DAV-Präsidentschaft habe sie immer mit dem Kartoffelpflanzen verglichen: „Am Anfang ist man im Boden frisch, doch am Ende verschrumpelt. Dafür müssen ganz viele neue Kartoffeln gewachsen und im nächsten Jahr wieder diese eine Kartoffel sein.“
Bei den Stichworten Emil von Sauer und DAV traten nun aber die Kraft und Entschiedenheit in Erscheinung, mit der sich Dr. h.c. Kindermann für eine Sache zu engagieren vermag. Konzilianz und Nahbarkeit wichen Bestimmtheit und Kampfbereitschaft – etwa für den Rechtsstaat in „herausfordernden Zeiten“. So wünsche sie sich auch eine „Resilienz des DAV gegen feindliche Strömungen“ und einen Zugang zum Recht für alle. Ihre Worte „ich kann mir kein Leben ohne Rechtsstaat und Demokratie vorstellen“ erhielten spontan Applaus. Eine andere, abschließende Aussage regte zumindest einige zum Nachdenken an: „Mich beruhigt zutiefst, dass diejenigen, die mich im Privatleben kennenlernen, noch nie auf die Idee gekommen sind, dass ich Juristin bin.“
ZUM SCHLUSS EINE ZWEITE PREISTRÄGERIN
Auf die Idee, einer Juristin zu begegnen, wären die Gäste auch nicht sofort gekommen, als Felix Machts zum Abschluss Svenja Marie Kantelhardt auf die Bühne bat. Die 24-Jährige hatte im November 2025 als Hamburger Siegerin das Bundesfinale im Jura-Slam gewonnen – zwei Wochen vor ihrem schriftlichen zweiten Examen. Dafür gab es spontanen Beifall. Ebenso für ihre beiden Texte, die anstelle des sonst üblichen musikalischen Vortrags die Preisverleihung abschlossen. Svenja Marie Kantelhardt erwies sich ebenfalls als würdige Preisträgerin – die Qualität ihrer Texte reichte weit über das hinaus, was allzu oft unter dem Stichwort „Comedy“ einen Weg auf die TVBildschirme findet.
Beide Texte endeten mit der Beschreibung des „weichen, goldenen Lichts der Abendsonne“, einem kurzen Innehalten und den ernüchternden Worten: „War nur Spaß. Es ist Hamburg. Es nieselt natürlich.“ Es blieben die einzigen unpassenden Worte an diesem sonnigen Frühlingsabend.
Unter den Gästen:
Birgit Voßkühler, Präsidentin des Hamburgischen Verfassungsgerichts und des Landesarbeitsgerichts Hamburg, Dr. Barbara Hohnholz, Präsidentin des Sozialgerichts Hamburg, Dr. Thomas Kuhl-Dominik, Präsident des Landessozialgerichts Hamburg, Prof. Dr. Christian Winterhoff, Präsident des Hamburgischen Anwaltsgerichtshofs, Jes Meyer-Lohkamp, Vorsitzender des Hamburger Anwaltsgerichts, Polizeipräsident Falk Schnabel, Dr. Christian Lemke, Präsident der Hanseatischen Rechtsanwaltskammer, Dr. Henning Löwe, Hauptgeschäftsführer der Hanseatischen Rechtsanwaltskammer, Dr. Silvia C. Groppler, Vizepräsidentin des Deutschen Anwaltvereins, Ulrich Schellenberg, ehemaliger Präsident des Deutschen Anwaltvereins, Bernd Michael Märtens, Vorsitzender des Anwaltvereins Norderstedt, HAV-Ehrenmitglied Hellmut Sempell, langjähriger stellvertretender Vorsitzender des HAV, die ehemaligen Emil-von-Sauer-Preisträgerinnen und -Preisträger Dr. Jan Grotheer, Dr. Inga Schmidt-Syaßen, Prof. Dr. Dr. Karsten Schmidt, Prof. Dr. Ulrich Ramsauer und als Vertreter der Hülfskasse Deutscher Rechtsanwälte, Bernd-Ludwig Holle, sowie Simone Käfer, Vorsitzende der Gesellschaft Hamburger Juristen.
TEXT: Hartmut Krafczyk FOTOS: Ibrahim Ot